Tourismus in Oberstdorf
Strategisch denken - gemeinsam gestalten
Wir alle wissen um die Bedeutung des Tourismus für Oberstdorf. Über 90% aller Oberstdorferinnen und Oberstdorfer leben mittelbar oder unmittelbar vom Tourismus. Er prägt unseren Ort stärker als es in anderen Gemeinden im Allgäu der Fall ist und hat zentrale Bedeutung für unsere Wirtschaft, das Ortsbild, die Arbeitswelt und den Alltag der Einheimischen.
Der Tourismus ist unsere Lebensader und muss kontinuierlich weiterentwickelt und an neue Herausforderungen angepasst werden. Im Jahr 2019 haben wir einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Mit ca. 2,7 Millionen Übernachtungen und steigenden Auslastungszahlen fühlten wir uns zu sicher.
Es folgte die Corona-Pandemie.
Haben wir uns zu lange auf dem Erfolg ausgeruht?
Im Anschluss fehlten Konzepte, Kampagnen und Produkte für die stark rückläufige Wintersaison. Der Sommer ist weiterhin sehr stark, kann aber den schwächelnden Winter nicht ausgleichen.
Tourismus im Wandel – auch wir müssen flexibler werden
Die letzten Jahre haben uns gezeigt, dass sich der Tourismus im Allgemeinen im Wandel befindet. Kürzere Aufenthaltsdauer, kurzfristigere Buchungen, flexiblere Buchungswege, steigende Bedürfnisse der Gäste und nicht zuletzt durch den Klimawandel veränderte Voraussetzungen für den Winter, sind nur einige
Punkte, denen wir begegnen müssen.
Frühzeitig agieren, statt zu spät reagieren – die Gastgeber haben verstanden
Diesen Wandel und die damit einhergehenden Herausforderungen haben die Gastgeberverbände und die Hoteliers gespürt. Und sie haben erkannt, dass gehandelt werden muss. Auf ihre Initiative hin wurde der Dialog mit Tourismus Oberstdorf, sowie der Marktgemeinde gesucht. Es wurden die Finger
in die Wunden gelegt und externe Berater hinzugezogen. Nach intensiven Diskussionen stand fest: Oberstdorf muss sich hinterfragen. Die Ausrichtung, die Zielgruppe, das Angebot und die Kommunikation müssen neu definiert werden. Dem Engagement vieler Oberstdorferinnen und Oberstdorfern ist es zu verdanken, dass wir eine Vision – eine Idee - erarbeiten konnten, wie wir Oberstdorf weiterentwickeln können.
Wir leben nicht nur vom Tourismus, sondern auch mit dem Tourismus.
Schnell wurde klar, dass die erfolgreiche Weiterentwicklung unseres Hauptwirtschaftszweigs nur gelingen kann, wenn wir unsere Heimat als Ganzes betrachten und die Bedürfnisse der Einheimischen konsequent mitdenken. Ein funktionierender Lebensraum ist die Grundlage für eine erfolgreiche touristische Entwicklung und umgekehrt. Mit der Expertise, Innovation und Motivation vieler Einheimischer aus unterschiedlichsten Wirtschaftszweigen
wurde ein Zukunftsbild geschaffen, das die Grundlage jeglichen zukünftigen Handelns darstellt.
Dem Enthusiasmus der Beteiligten folgte jedoch die Ernüchterung:
Mangelhafte Kommunikation nach innen, fehlende Prioritätensetzung, plakativer Aktionismus im Alleingang und fehlende Konzepte zur Umsetzung gefährden den Erfolg dieses umfangreichen Projekts.
Es ist eine starke Führung gefordert, die es versteht Brücken zu bauen, Konzepte zur Umsetzung glaubwürdig zu vermitteln und die Motivation aller am Prozess beteiligten wiederherzustellen und das Vertrauen in das Projekt zu stärken.
Wo sehen wir die größten Herausforderungen für uns als Gesellschaft?
Die Einflüsse des Tourismus auf unsere Gesellschaft liegen auf der Hand:
- Soziale Belastungen
Ausufernde Immobilienpreise und fehlender bezahlbarer Wohnraum, in der Folge Verdrängung der
einheimischen jungen Bevölkerung. - Beeinflussung der Lebensqualität
Starker Individualverkehr, Parkplatzmangel. - Auswirkungen auf unsere Natur
Durch Flächenversiegelung, Lärm- und Abgasbelastung und Ressourcenverbrauch.
Diesen Einflüssen müssen wir künftig noch stärker als jetzt begegnen. Wir müssen Wohnraum für die junge Generation schaffen, statt nur darüber zu reden. Wir brauchen innovative Lösungen für den fließenden und den ruhenden Verkehr. Veraltete und teure Technik aus den 90er-Jahren mit Schranken
und Papierzetteln muss durch längst verfügbare moderne digitale und benutzerfreundliche Systeme ergänzt/ersetzt werden. Durch den Ausbau des ÖPNV und eine bessere Anbindung der Ortsteile muss der Individualverkehr weiter eingedämmt werden.
Tourismus & Sport – untrennbar verbunden
Oberstdorfs Bekanntheit fußt auf den zahlreichen Sportgroßveranstaltungen. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Der Spitzensport ist die Basis für den Breitensport. Durch den Spitzensport verfügen wir über eine hervorragende Infrastruktur, die für Gäste und Einheimische nutzbar ist. Zukünftig gilt es, die Synergien besser zu nutzen und Doppelstrukturen abzubauen.
Die touristische Infrastruktur darf nicht zur Belastung werden
Die Kosten für unsere touristische Infrastruktur hat grenzwertige Dimensionen erreicht. Für einen Ort unserer Größe, eigentlich nicht leistbar. Zur Finanzierung haben wir auch dieses Jahr (zum dritten Mal in 4 Jahren) an der Schraube Kurbeitrag gedreht. Eine Schraube, deren Gewinde sich dem Ende zuneigt. Strukturen unserer Tourismusorganisation müssen geprüft und Abläufe effizienter gestaltet werden. Längerfristig müssen wir prüfen, welche
Infrastruktureinrichtungen notwendig sind und welche wir uns leisten können.
Tourismus braucht eine starke Führung
Eine führende Tourismusdestination ohne Tourismusdirektor, bzw. -direktorin? Der Weggang des Tourismusdirektors war absehbar und kam nicht überraschend. Leider fehlte ein Konzept für einen nahtlosen Übergang. Wir verfügen bei Tourismus Oberstdorf über erfahrene und engagierte Leute, die zum wiederholten Mal als stellvertretende Werkleiter Tourismus Oberstdorf am Laufen halten. Dafür gebührt großer Dank. Darauf darf man sich aber nicht ausruhen. Die zukünftige Struktur der Führungsebene muss kurzfristig festgelegt werden und im Anschluss mit den geeigneten Personen besetzt werden.
Unser Weg
Im Moment sind wir noch in der Lage aus eigener Stärke zu handeln. Die genannten Probleme müssen zügig, strukturiert und konsequent angegangen werden.
Dazu sind folgende Grundsätze wichtig:
- Kurzfristige Definition der Führungsstruktur bei Tourismus Oberstdorf
- Integration der Einheimischen in die touristischen Prozesse
- Nutzen der örtlichen Expertise
- Doppelstrukturen abbauen
- Synergien nutzen
- Konsequente Umsetzung des erarbeitetet Zukunftsbilds
Fazit:
Der Tourismus wird langfristig unser Hauptwirtschaftszweig bleiben. Das ist auch gut so. Als eine der wenigen Destinationen im Alpenraum haben wir ein ganzjähriges Angebot für unsere Gäste. Das müssen wir stärken und ausbauen. Um unsere Infrastruktur zu finanzieren, können wir es uns in keiner Unterkunftskategorie - vom großen Hotel im Ort bis zum kleinen Privatvermieter in den Ortsteilen – leisten, Übernachtungsgäste zu verlieren. Tourismus darf nicht zur Belastung werden, sondern soll unseren Ort bereichern, lebenswert halten und Arbeitsplätze sichern. Einheimische, Gäste, touristisches Angebot, Lebensraum – alles gehört zusammen.
